Wie aus einem schmerzhaften Verlust an der UFRGS in Porto Alegre ein lebendiges Vermächtnis der Sozialen Gerontologie erwuchs.
Es ist Juni in Rio Grande do Sul. Wer an Brasilien denkt, hat meist flimmernde Hitze im Kopf, doch der Süden des Landes empfängt uns im tiefsten Winter mit kühler, feuchter Luft und einem wolkenverhangenen Himmel über dem breiten Guaíba-Fluss.
Als die Räder der Maschine nach dem langen Flug auf der Landebahn von Porto Alegre aufsetzen, schwingt eine spürbare Melancholie mit. Es ist eine Reise, die eigentlich ganz anders hätte verlaufen sollen. Ein Aufbruch, der von einer tiefen Trauer überschattet ist.
Nur wenige Wochen vor dem geplanten Abflug der beiden Freiburger Professorinnen Dr. Cornelia Kricheldorff und Dr. Ines Himmelsbach geschah das Unfassbare: Prof. Dr. Johannes Doll verstarb völlig überraschend. Johannes Doll war das schlagende Herz dieser deutsch-brasilianischen Partnerschaft. Vor über 20 Jahren war der gebürtige Heidelberger Gerontologe der Liebe wegen nach Brasilien ausgewandert, hatte an der renommierten Fakultät für Erziehungswissenschaften (FACED) der Universidade Federal do Rio Grande do Sul (UFRGS) einen herausragenden gerontologischen Schwerpunkt aufgebaut und lebte dort mit seiner Frau, einer brasilianischen Juraprofessorin. Er war der Brückenbauer, der im Wintersemester 2023/24 im Rahmen einer Gastprofessur an der KH Freiburg die Keimzelle für diese Erasmus-Kooperation pflanzte.
„Der plötzliche Tod von Johannes Doll stellte alles in Frage. Doch anstatt in Starre zu verharren, bewiesen unsere brasilianischen Kolleginnen eine überwältigende Wärme und Entschlossenheit. Sie sagten uns: ‚Kommt erst recht. Wir machen das gemeinsam – für Johannes.‘“ – so beschreibt es Prof.in Dr. Ines Himmelsbach.
Und sie hielten Wort. Prof.in Dr. Leticia Sophia Rocha Machado und Dr. Estela Kohlrausch, eine ehemalige Doktorandin Dolls, übernahmen mit unbändiger Professionalität die Organisation vor Ort. Sie schufen einen Rahmen, der diesen akademischen Austausch nicht nur rettete, sondern zu einer zutiefst berührenden menschlichen Begegnung machte.
Zwischen kolonialem Erbe und moderner Altenhilfe
Der Aufenthalt entfaltet sich in einer dichten Taktung aus Wissenschaft und lebendiger Feldforschung. Gleich zu Beginn führt der Weg hinein in die ländliche Region um Rolante. Hier, wo im 19. Jahrhundert deutsche Einwanderer siedelten, ist die Geschichte noch heute lebendig – konserviert in der Sprache, der Architektur und im kollektiven Gedächtnis. Für Gerontologinnen ist dies ein faszinierendes Pflaster: Wie altert man in einer Kultur, die zutiefst von Migrationsbiografien und Identitätsfragen geprägt ist?
Inmitten dieser Spurensuche begegnen wir einem ganz besonderen Orchester: Hier proben Senioren im Alter zwischen 60 und 92 Jahren. Als die ersten Töne erklingen, weicht die Melancholie einer unbändigen Lebensfreude. Musik als Brücke der Generationen, als neurologischer Jungbrunnen – lebendige Gerontologie, die keine Übersetzung braucht.
Zurück in der Millionenmetropole Porto Alegre zeigt sich uns ein anderes Gesicht der brasilianischen Realität. Wir besuchen ein kommunales Gesundheitszentrum in einem von Armut und sozialen Missständen geprägten Stadtteil (Favela). Hier wird deutlich, unter welchen extremen Bedingungen Soziale Arbeit und Gesundheitsversorgung oft stattfinden müssen. Im krassen Gegensatz dazu steht das SESC – eine privatwirtschaftlich getragene Sport- und Begegnungsstätte mit einem vorbildlich ausgebauten, modernen Altenhilfeprogramm. Diese Kontraste rütteln auf, weiten den Blick und fließen direkt in unsere Lehrveranstaltungen ein.
Wissenstransfer im Hörsaal: Perspektiven aus Deutschland
An der FACED der UFRGS wird in den darauffolgenden Tagen intensiv gearbeitet. In insgesamt 18 Unterrichtseinheiten bringen die Freiburger Forscherinnen den brasilianischen Studierenden und Lehrenden die deutsche Gerontologie näher. Es ist ein lebendiger Austausch auf Augenhöhe:
- 15. Juni 2026 – Altern in Deutschland: Vorstellung der demografischen Strukturen, sozialen Sicherungssysteme und aktuellen pflegepolitischen Herausforderungen in der Bundesrepublik.
- 16. Juni 2026 – Politikberatung & Quartiersarbeit: Einblicke in den zehnten Altersbericht der Bundesregierung und Vorstellung des Freiburger Projekts „AQuiLa“ (Aufbau von Quartiersansätzen in der stationären Langzeitpflege).
Die Studierenden lauschen gebannt, stellen Fragen zur Übertragbarkeit auf das brasilianische System, in dem familiäre Pflege noch immer eine weitaus größere Rolle spielt als staatliche Strukturen, das jedoch vor denselben demografischen Umbrüchen steht.
Die Konferenz: Technologie und Alter neu denken
Vom 17. bis 19. Juni wandelt sich die Fakultät in einen internationalen Schmelztiegel. Der VI Congresso Brasileiro de Gerontecnologia widmet sich der Bedeutung technologischer Entwicklungen für ein gelingendes Altern. Inmitten des Trubels findet eine konzentrierte Redaktionskonferenz statt: Das gemeinsame Buchprojekt, an dem Johannes Doll noch intensiv mitgearbeitet hatte, wird hier finalisiert und auf den Weg gebracht.
Auf der Hauptbühne der Konferenz schlagen die Freiburger Professorinnen schließlich den Bogen in die digitale Moderne:
- Prof.in Dr. Cornelia Kricheldorff referiert eindrucksvoll über „Technologie und Bildung im Alter in der digitalen Welt“ und skizziert die Notwendigkeit von digitaler Teilhabe als Menschenrecht für ältere Generationen.
- Am Folgetag präsentiert Prof.in Dr. Ines Himmelsbach ihr IAF-Forschungsprojekt „DiBiWohn“. Unter dem portugiesischen Titel „Biografias tecnológicas – lidar com tecnologias durante a vida“ zeigt sie auf, wie eng die Bereitschaft, im Alter neue Technologien zu nutzen, mit der individuellen Lebensbiografie verknüpft ist.
Die Resonanz ist enorm – der Wunsch nach einem globalen, vergleichenden Blick auf diese Thematik verbindet beide Länder.
Der Blick nach vorn: Das Erbe lebt weiter
Als wir am 20. Juni den Rückflug antreten, lassen wir ein winterliches Porto Alegre hinter uns. Doch das Gefühl der Trauer hat sich gewandelt – in tiefe Dankbarkeit und Aufbruchstimmung. Die Kooperation zwischen der KH Freiburg und der UFRGS ist durch diese Zerreißprobe nicht zerbrochen, sondern enger geworden. Neue, spannende Netzwerke zeichnen sich ab, insbesondere durch die enge Verknüpfung der UFRGS mit der Katholischen Universität in Porto Alegre (PUCRS).
Und die Brücke trägt bereits erste Früchte: Noch im selben Sommer, am 16. Juli 2026, erwarten wir an der KH Freiburg den Gegenbesuch der Post-Doc-Mitarbeiterin Dr. Bárbara Kunde Steffens aus Porto Alegre. Sie wird in Freiburg und Heidelberg forschen, um die Potenziale zur Bekämpfung der Altersarmut von Frauen zu ergründen. Es ist der lebendige Beweis dafür, dass die Saat, die Johannes Doll gesät hat, aufgeht – auf beiden Seiten des Ozeans.
Ansprechperson
Prof.in Dr. phil. Ines Himmelsbach