Praxisanleitung mit Wirkung: „Wir prägen Berufswege aktiv mit!“
Rund um den Internationalen Tag der Pflege am 12. Mai wurde bundesweit über die Zukunft der Pflege diskutiert. Dabei rücken auch diejenigen in den Fokus, die den Nachwuchs ausbilden und begleiten. Die Anforderungen an Praxisanleiter*innen im Gesundheitswesen wachsen – fachlich, pädagogisch und gesellschaftlich. Die Fort- und Weiterbildungen rund um die Praxisanleitung am Institut für Wissenschaftliche Weiterbildung der KH Freiburg setzen genau hier an. Weiterbildungsleiterin und Dozentin Kirsten Heiland erklärt im Gespräch, warum gute Anleitung weit mehr ist als Wissensvermittlung – und weshalb sie über die Qualität von Ausbildung und Versorgung mitentscheidet.
Frau Heiland, erinnern Sie sich an einen Moment, der Ihnen gezeigt hat, wie entscheidend gute Praxisanleitung ist?
Absolut. Es gibt viele solcher Momente, aber einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Eine Auszubildende stand kurz davor, ihre Ausbildung abzubrechen, weil sie sich in der Praxis überfordert und nicht gesehen gefühlt hat. Erst durch eine engagierte Praxisanleiterin hat sie wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickelt. Heute arbeitet sie als Pflegefachfrau.
Das zeigt mir: Praxisanleitung entscheidet nicht nur darüber, wie jemand lernt – sondern oft auch darüber, ob jemand überhaupt im Beruf bleibt.
Was hat Sie persönlich dazu motiviert, die Weiterbildung „Praxisanleitung und Lernbegleitung in den Gesundheitsfachberufen (PAL plus)“ zu entwickeln und mitzugestalten?
Mich hat immer fasziniert, wie stark Lernen von Beziehungen abhängt. In der Praxis geht es nicht nur um das Vermitteln von Handgriffen oder um Wissen – es geht um Orientierung, Feedback und manchmal auch um Ermutigung.
„PAL plus“ ist aus dem Wunsch entstanden, Praxisanleitende genau dafür zu stärken: fachlich, genauso auch in ihrer pädagogischen Haltung und in ihrer Fähigkeit, individuelle Lernwege zu begleiten.
Was zeichnet „PAL plus“ aus?
Unser Verständnis von Lernen. Wir gehen bewusst weg vom reinen Anleiten hin zum Lernbegleiten. Das bedeutet: Wir schauen nicht nur darauf, was jemand lernen soll, sondern wie Lernen überhaupt gelingt – gerade im komplexen, oft stressigen Arbeitsalltag.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Individuelle Berufsbiografien, unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Diversität sind längst Alltag in unserer Gesellschaft. Darauf bereiten wir vor.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Sensibilisierung für kulturelle Vielfalt. Warum ist das so zentral?
Weil es längst Realität ist. In vielen Teams arbeiten Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammen. Unsicherheiten entstehen oft dort, wo Unterschiede nicht reflektiert werden oder vielmehr: wo die eigene Wahrnehmung von Unterschieden reflektiert wird. Gute Praxisanleitung kann hier eine Brücke sein: Sie schafft Verständnis, fördert Kommunikation und ermöglicht Lernen auf Augenhöhe.
Das ist nicht nur pädagogisch wichtig – es wirkt sich auch direkt auf die Teamarbeit und letztlich auf die Versorgung aus.
Wo erleben Praxisanleitende aktuell die größten Herausforderungen?
Viele stehen in einem Spannungsfeld: Sie sollen anleiten, gleichzeitig im Arbeitsalltag funktionieren und oft auch personelle Engpässe ausgleichen. Genau hier setzen wir an: Wir geben Werkzeuge an die Hand, um dieses Spannungsfeld zu bewältigen – das erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und Reflexionsvermögen.
Und vor allem stärken wir die Fähigkeit, Situationen individuell zu analysieren und Praxisanleitende darin zu befähigen, angemessen zu handeln.
Was verändert sich bei den Teilnehmenden während der Weiterbildung?
Viele berichten von einem echten Perspektivwechsel. Sie beginnen, ihr eigenes Handeln stärker mitzudenken und bewusster zu gestalten.
Ein häufiger „Aha-Moment“ ist die Erkenntnis: Ich muss nicht auf alles sofort eine Antwort haben. Viel wichtiger ist es, gute Fragen zu stellen und Lernprozesse zu begleiten.
Und oft verändert sich auch das Selbstverständnis: vom „Nebenbei-Anleitenden“ hin zu einer klaren, professionellen Rolle.
Welche Wirkung hat gute Praxisanleitung über die Ausbildung hinaus?
Eine enorme: Wir begleiten nicht nur, wir prägen Berufswege aktiv mit. Gute Anleitung stärkt Selbstvertrauen, fördert Kompetenz und trägt dazu bei, Fachkräfte langfristig im Beruf zu halten.
Und letztlich hat das auch Auswirkungen auf die Qualität der Versorgung. Wer gut ausgebildet ist und sich sicher fühlt, arbeitet verantwortungsvoll, reflektiert und empathisch.
Wird die Bedeutung dieser Rolle ausreichend gesehen?
Ich würde sagen: Sie wird zunehmend erkannt, aber oft noch unterschätzt.
Praxisanleitung ist eine Schlüsselrolle im Gesundheitssystem – und verdient entsprechend Aufmerksamkeit, Zeit und Unterstützung.
Blicken wir noch in die Zukunft: Wir wird sich Praxisanleitung verändern?
Sie wird noch komplexer werden. Themen wie Digitalisierung und gesellschaftliche Vielfalt werden weiter an Bedeutung gewinnen.
Das greifen wir bereits jetzt mit unseren Fortbildungen auf, die wir für schon in der Praxisanleitung ausgebildete Personen anbieten. Die Fortbildungstage „Digitalisierung in der Pflege“, „Berufliche Herausforderungen bewältigen“ oder auch „Interkulturelle Reflexions- und Kommunikationskompetenz“ (jeweils 1 Tag) sind tolle Möglichkeiten, bestehende Kompetenzen zu vertiefen und auf dem aktuellen Stand zu bleiben.
Zum Abschluss: Was möchten Sie Absolventen und Absolventinnen der Weiterbildung „PAL plus“ mitgeben?
Ich wünsche ihnen, dass sie mit einer klaren Haltung in ihre Rolle gehen: reflektiert, offen und bereit, Verantwortung zu übernehmen. Und dass sie sich bewusst machen, wie viel Einfluss sie haben. Praxisanleitung ist eine Aufgabe mit großer Wirkung.
Ansprechperson