Forschung

Ukrainische Fachkräfte stärken Traumakompetenz

Halyna Levkiv bei einem Vortrag beim Refresherkurs des Nadyia-Projekts

Dritte NaDiya-Refresherseminarwoche zwischen fachlicher Vertiefung und gelebter Realität des Krieges

Als sich die Teilnehmerinnen im März zur dritten von insgesamt vier Refresherseminarwochen treffen, ist vieles vertraut – und doch ist jede Begegnung neu geprägt von den Erfahrungen eines Landes im Krieg. 13 der insgesamt 34 ausgebildeten Expertinnen sind diesmal dabei. Sie alle haben bereits zwischen 2023 und 2024 im Rahmen des Pilotprojekts „NaDiya – Hoffen und Handeln“ eine Qualifizierung durchlaufen, die sie befähigt, traumafokussierte psychosoziale Grundversorgung in der Ukraine weiterzugeben.

„NaDiya – Hoffen und Handeln wirkt und nimmt einen verlässlichen Platz in der ukrainischen traumasensiblen Versorgungslandschaft ein“, so Projektleiter Prof. Claus Muke.

Die Woche folgt einer klaren Struktur – und lässt gleichzeitig Raum für das, was sich nicht planen lässt: persönliche Belastungen, akute Krisen, kollegiale Unterstützung. Neben fachlicher Vertiefung stehen Selbsterfahrung, Austausch und Teamarbeit im Mittelpunkt. Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf der Lebenssituation älterer Menschen unter den Bedingungen des Krieges.

Zum Auftakt bringt die Tanztherapeutin Anna Lena Frucht Bewegung in den Seminarraum. An zwei Tagen arbeitet sie mit den Teilnehmerinnen daran, Tanz als Ausdrucksform zu nutzen – gerade dort, wo Worte nicht ausreichen. Unterstützt wird sie von Professorin Cornelia Kricheldorff und Dr. Halyna Levkiv.

Wenn der Krieg unmittelbar wird

Wie nah fachliche Arbeit und Kriegsrealität beieinanderliegen, zeigt sich abrupt während eines Angriffs auf Lviv: Das Elternhaus einer Teilnehmerin wird getroffen. Die Sorge um die Angehörigen ist groß, zugleich bleiben sie unverletzt. Die unmittelbare, umsichtige Begleitung durch das Leitungsteam hilft, die akute Belastung aufzufangen. Viele Teilnehmerinnen beschreiben die beiden Tage im Anschluss als intensiv, entlastend und nachhaltig wirksam auch im Sinne von Selbstfürsorge.

Am Mittwochnachmittag richtet sich der Blick auf die Zusammenarbeit im beruflichen Alltag. Projektleiter Prof. Claus Muke hatte dafür gezielt Professor emeritus Jürgen Sehrig eingeladen. In seinem Beitrag verbindet er theoretische Grundlagen mit praxisnahen Ansätzen gelingender Teamarbeit. Die Resonanz ist deutlich: Zahlreiche Teilnehmerinnen beginnen, ihre eigenen Arbeitsstrukturen und Zuständigkeiten kritisch zu reflektieren und mögliche Veränderungen anzustoßen.

Ein fester Bestandteil der Woche ist die ganztägige Balintgruppenarbeit am Donnerstag unter der Leitung von Dr. Martina-Prinz Zeiss. Die Methode, die der Reflexion komplexer therapeutischer Beziehungen dient, wird von den Teilnehmerinnen erneut als besonders wertvoll hervorgehoben – gerade angesichts der hohen emotionalen Belastung ihrer Arbeit.

Den fachlichen Abschluss bildet am Freitag ein Seminareinheit von Professorin emerita Cornelia Kricheldorff. Sie richtet den Fokus auf die häufig übersehene Gruppe der älteren Menschen im Krieg: „Ältere Menschen zählen in bewaffneten Konflikten immer zu den besonders gefährdeten Gruppen. In der Ukraine leben aktuell rund neun Millionen Menschen über 60 Jahre – viele von ihnen wollen oder können das Land nicht verlassen. Ihre Situation gilt inzwischen als äußerst prekär, weil sie oft allein zurückbleiben, ohne Familie und ausreichende medizinische Versorgung.“

Wachsende Wirkung und Ausblick

Mit der Teilnahme der jungen Ärztin und GIZ-Beraterin Anastasiia Pogorielova erhält die Woche zudem eine internationale Perspektive. Von Mittwoch bis Freitag gibt sie Einblicke in die Arbeit der GIZ und deren Schwerpunkte in der Ukraine.

In den täglichen Auswertungsgesprächen, moderiert von Projektleiter Prof. Muke und gedolmetscht von Maria Barabasch, zeigt sich die wachsende Wirkung des Projekts: Die vermittelten Inhalte der traumafokussierten psychosozialen Grundversorgung finden in unterschiedlichen Kontexten Anwendung. Besonders hervorgehoben wird die zunehmende Bedeutung von Fachwissen zu Suchterkrankungen und Depressionen – ergänzt durch bewährte Methoden wie Balintgruppenarbeit und klientenzentrierte Gesprächsführung.

Ein zentrales Merkmal des Projekts „NaDiya – Hoffen und Handeln“ der Katholischen Hochschule Freiburg ist dabei das konsequente Präsenzformat. Im Unterschied zu vielen anderen Unterstützungsprojekten setzt es von Beginn an auf direkte Begegnung – trotz aller Herausforderungen.

Die Reichweite des Projekts lässt sich auch in Zahlen ablesen: An der Ukrainischen Katholischen Universität in Lviv wurden in den vergangenen drei Jahren rund 60 Studierende der Sozialen Arbeit im Rahmen eines Hauptkurses ausgebildet. Caritas Ukraine hat 50 Schulen etabliert, in denen traumasensibles Arbeiten vermittelt wird; mehrere tausend Lehrkräfte wurden auf Grundlage des NaDiya-Manuals geschult. Das Zentrum für Soziale Dienste in Lviv qualifizierte zudem rund 40 Mitarbeitende im ambulanten Bereich.

Darüber hinaus finden sich Elemente der Schulung in zahlreichen weiteren Arbeitsfeldern wieder – von der Familienberatung über die Erwachsenenbildung bis hin zu Kindergärten und der direkten therapeutischen Versorgung.

Das Projekt arbeitet dabei oft im Hintergrund, entfaltet jedoch eine breite Wirkung. Angesichts der positiven Entwicklungen richtet sich der Blick nun nach vorn: Eine dritte Förderphase ab 2027 für weitere 18 Monate ist in Planung. Ideen und Partnerinnen und Partner aus der Traumaarbeit stehen bereits bereit.

Zuvor wird im September 2026 das vierte und vorläufig letzte Refresherseminar stattfinden – im St. Wenzeslausstift, einem Besinnungs- und Seminarhaus der Diözese Görlitz.

Ansprechperson

Claus Muke, Professor at KH Freiburg

Prof. Dr. med. Claus Muke

Professor

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