Wie viel Struktur braucht Kindheit? Ein Vortrag in Freiburg mit Armin Krenz über die Bedeutung freien Spiels.
Der Hörsaal der Katholischen Hochschule Freiburg bleibt an diesem Abend überschaubar gefüllt – rund 40 Teilnehmende sind vor Ort. Doch der Blick auf die digitalen Zugriffszahlen erzählt eine andere Geschichte: Mehr als 200 Interessierte verfolgen den Vortrag online. Es ist ein Thema, das offensichtlich bewegt und weit über den physischen Raum hinausstrahlt.
Kindheit unter Druck
Prof. Armin Krenz eröffnet seinen Vortrag mit einer humorvollen Beobachtung aus der Praxis. Ein Lachen geht durch den Raum – und vermutlich auch vor die Bildschirme. Doch hinter den Anekdoten steckt eine ernsthafte Botschaft: Die Kindheit gerät zunehmend unter Druck. Krenz bringt es zugespitzt auf den Punkt: Wir berauben Kinder ihrer Kindheit, indem wir ihr Leben immer stärker durch Programme strukturieren und „belehren“.
Der Abend ist Teil der Reihe „Leben und Lernen im Wandel für zukunftsfähige und inklusive Schulen“, organisiert vom Verein freiburger bündnis – eine schule für alle in Kooperation mit der Hochschule. Nach Impulsen zur Schulentwicklung, etwa durch die Alemannenschule Wutöschingen oder das Konzept des Universal Design for Learning (UDL), richtet sich der Blick nun bewusst auf die Zeit vor der Einschulung.
Die Zergliederung der Welt
Während Debatten über Bildung oft bei der Digitalisierung oder Leistungsdefiziten in der Schule ansetzen, lenkt Krenz den Fokus auf das Erleben der Kinder in den Kitas. Er beschreibt einen Alltag, den viele Fachkräfte und Eltern wiedererkennen: Zahlreiche Förderangebote und klar strukturierte Projekte prägen das Bild. Doch was gut gemeint ist, hat eine Kehrseite: „Bildung wird immer stärker so verstanden, dass Bildungsbereiche wie Fächer behandelt werden“, erklärt Krenz.
Durch diese Zergliederung in Einzelprojekte entstehen unzusammenhängende Einheiten, die dem natürlichen Lernen eher im Wege stehen. Die Lebenswelt der Kinder wird künstlich eingeengt und vorprogrammiert, statt ihnen Raum für echte, ganzheitliche Erfahrungen zu lassen.
Schulfähigkeit durch Spielfähigkeit
Sein Gegenentwurf basiert auf evidenzbasierten Theorien und ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: das freie Spiel. Für Krenz ist das Spiel kein netter Zeitvertreib, sondern der zentrale Motor kindlicher Entwicklung. Seine zentrale These des Abends hallt nach: „Schulfähigkeit ergibt sich aus Spielfähigkeit.“ Wer spielen kann, kann lernen. Wer im Spiel Ausdauer, Kreativität und soziale Kompetenz erwirbt, legt das Fundament für den späteren schulischen Erfolg. Ein Kind braucht keine „Verschulung“ im Kindergarten, sondern die Freiheit, sich die Welt handelnd zu erschließen.
Impulse für eine neue Praxis
Dabei bleibt Krenz nicht bei der Kritik stehen. Er liefert anwendbare Tipps für den Alltag in Kindertageseinrichtungen. Es geht nicht um ein pauschales „Gegen Förderprogramme“, sondern um eine Neujustierung:
- Beziehung statt Belehrung: Kinder brauchen zugewandte Begleitung statt starrer Anleitung.
- Erfahrung statt Programm: Echte Erlebnisse wiegen schwerer als vorstrukturierte Lerneinheiten.
- Entwicklungsprozesse schützen: Den Kindern Zeit geben, sich in ihrem eigenen Tempo zu entfalten.
Ein Abend, der Kreise zieht
Die Resonanz zeigt, dass der Nerv getroffen wurde. Es wird eifrig notiert und im Anschluss diskutiert. Am Ende bleibt keine simple Checkliste, sondern eine klare Einladung an Eltern und Pädagogen: genauer hinzusehen und weniger in Programmen, sondern mehr in Entwicklungsprozessen zu denken. Denn, wie es an diesem Abend immer wieder anklingt: Kinder brauchen keine perfekt geplante Kindheit – sie brauchen vor allem den Raum, Kind sein zu dürfen.
Hinweis: Interessierte können sich den Vortrag von Armin Krenz hier direkt ansehen: