Unterstützte Kommunikation in Einrichtungen der Behindertenhilfe
In einem Raum mit etwa 30 Personen wird nicht gesprochen, dennoch lassen sich lebendige Interaktionen deutlich wahrnehmen und beobachten: Jeweils zwei Personen sitzen sich gegenüber und versuchen, sich zu verständigen – ausschließlich mit Gesten, Blicken und improvisierten Zeichen. Es geht um ein Telefonat. Mit wem? Und worum? Nach wenigen Sekunden wird klar: Kommunikation ohne Lautsprache ist anstrengend. Frustrierend. Und gleichzeitig ungemein aufschlussreich.
Diese Erfahrung machten die Teilnehmenden eines Workshops zur Unterstützten Kommunikation (UK) am 24. November 2025 in einer großen Einrichtung der Behin-dertenhilfe in Bayern. In zwei Workshops mit jeweils ca. 30 pädagogischen Fachkräften aus Wohnen, Arbeit, Betreuung und Schule sowie Lehrkräfte waren pro Kurs zusammengekommen – ein deutliches Zeichen für das große Interesse an einem Thema, das im pädagogischen Alltag allgegenwärtig ist, aber oft noch zu wenig systematisch umgesetzt wird.
Ein Thema mit persönlicher Geschichte
Geleitet wurde der Workshop von Tanja Miller, akademische Mitarbeiterin am Institut für Angewandte Forschung der Katholischen Hochschule Freiburg, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Heilpädagogin (M.A.). Für sie war dieser Vortrag mehr als ein beruflicher Auftrag: Ihre eigene pädagogische Laufbahn hatte sie Ende der 1990er-Jahre genau in dieser Einrichtung begonnen – im Wohnpflegebereich für Erwachsene mit geistiger Behinderung.
Im Frühjahr 2025 nahm sie erneut Kontakt zur Einrichtung auf, diesmal im Rahmen ihres Promotionsvorhabens. Geplant ist eine bundesweite Studie zum Thema „Unterstützte Kommunikation bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung in besonderen Wohnformen in Deutschland: Bedarf und Versorgung“.
Eine vor Ort durchgeführte Pilotstudie sollte erste Einblicke liefern, tatsächlich erwies sich der Rücklauf der Fragebögen als relativ gering. Dies wurde nicht als fehlende Relevanz des Themas verstanden, sondern vielmehr als Hinweis darauf, dass es möglicherweise strukturelle oder inhaltliche Hürden gibt, die eine Beteiligung erschweren. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, einen Workshop in dieser Einrichtung anzubieten. Nicht nur, um Wissen zu vermitteln, sondern auch, um zu-zuhören: Welche Fragen bewegen die Praxis? Wo liegen Hürden? Und was braucht es, damit Unterstützte Kommunikation tatsächlich im Alltag ankommt?
Grundlagen, Entwicklung und Praxisnähe
In zwei jeweils 90-minütigen Vorträgen führte Tanja Miller die Teilnehmenden durch zentrale Aspekte der Unterstützten Kommunikation:
Im Vortrag wurden die Grundlagen der Unterstützten Kommunikation (UK) sowie ihre Bedeutung für den pädagogischen Alltag vorgestellt. Thematisiert wurden zudem Ursachen für einen komplexen kommunikativen Hilfebedarf und die Stufen der kommunikativen Entwicklung nach Irene Leber als Orientierung für eine passgenaue Unterstützung. Ergänzend erhielten die Teilnehmenden einen Überblick über verschiedene Kommunikationsformen und -hilfen, von körpereigenen Ausdrucksformen bis hin zu Symbolen und technischen Hilfsmitteln. Abschließend wurden praxisnahe Überlegungen zur Umsetzung von UK in den Bereichen Wohnen, Schule und Arbeit aufgegriffen.
Dabei blieb es nicht bei Theorie. Immer wieder wurden die Teilnehmenden aktiv einbezogen – etwa durch Gruppenübungen, die eigene Kommunikationsgrenzen erfahrbar machten.
Frust als Erkenntnisgewinn
Besonders eindrücklich war eine Übung, bei der die Teilnehmenden ihrem Gegenüber ohne Lautsprache erklären sollten, mit wem sie zuletzt telefoniert hatten und worum es dabei ging. Der anschließende Austausch machte deutlich: Kommunikation scheitert nicht nur an fehlenden Worten, sondern auch an Ungeduld, Unsicherheit und fehlender gemeinsamer Verständigungsbasis.
Viele beschrieben das Gefühl, „nicht verstanden zu werden“, als belastend – sowohl für die sich mitteilende Person als auch für die zuhörende Person. Dies kann dazu führen, dass sich ein Mensch aus Kommunikationssituationen zurück-zieht. Dadurch steigt das Risiko, dass seine Bedürfnisse unbeachtet bleiben und wiederholte Überforderungssituationen sowie herausforderndes Verhalten begünstigt werden. Genau diese Erfahrungen sind für viele Menschen mit geistiger Behinderung Alltag.
Die Übung führte zu einer zentralen Erkenntnis:
Haltung vor Methode
In der abschließenden Diskussion rückte ein Punkt immer wieder in den Mittelpunkt: Technik und Methoden allein reichen nicht aus. Entscheidend ist die Haltung der Mit-arbeitenden.
Unterstützte Kommunikation bedeutet:
- Zeit lassen
- genau hinsehen
- ausprobieren, wiederholen, dranbleiben
- und auch kleine Fortschritte ernst nehmen
Gelingt dies, stärkt UK das Selbstwirksamkeitserleben von Menschen mit geistiger Behinderung. Mehr Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten führen zu mehr Teilhabe – und damit zu mehr Lebensqualität.
Als besonders wertvoll wurde auch der bereichsübergreifende Austausch erlebt. Mit-arbeitende aus Schule, Wohnen und Arbeit kamen zusammen, lernten den Arbeitskreis Unterstützte Kommunikation der Einrichtung kennen und erfuhren von aktuellen Bestrebungen, einheitliche Symbole und Konzepte über alle Bereiche hinweg zu etablieren.
Ein Impuls, der weiterwirkt
Der Workshop endete nicht mit einem fertigen Rezept, sondern mit vielen Fragen aus der Praxis – zu konkreten Fällen, individuellen Lösungen und strukturellen Vo-raussetzungen. Genau darin lag seine Stärke: Er sensibilisierte, motivierte und setzte einen Prozess in Gang.
Oder, wie es eine zentrale Botschaft des Tages zusammenfasst:
„Unterstützte Kommunikation gelingt, wenn Haltung, Geduld und Durchhaltevermögen über alle Bereiche hinweg eine lebendige Teilhabe ermöglichen.“
Ein Satz, der bleibt – und der den Kern dieses Tages trifft.
Ansprechperson