Veranstaltung

Blaues Land: Über Leben mit der AfD

Autorenlesung und Diskussion mit dem ARD-Journalisten Olaf Sundermeyer an der KH Freiburg

Ein Veranstaltungsbericht aus studentischer Perspektive von Fabio Fangmann

Vergangenen Montag lud die KH den ARD-Journalisten Olaf Sundermeyer ein, um Auszüge aus seinem neuen Buch zu hören. Anschließend diskutierte das Publikum mit dem Autor über den politischen, verfassungsrechtlichen und zivilgesellschaftlichen Umgang mit dem Erstarken der AfD. Das Interesse war groß und spiegelte sich auch in einem generationsübergreifenden Publikum wider.

Der in Brandenburg lebende Investigativjournalist richtete den Blick dabei weniger auf die prominenten Köpfe der Parteiführung als vielmehr auf die Lebenswelt der ländlichen AfD-Wählerschaft. Im Umgang mit ihr plädierte er für mehr Toleranz und weniger Belehrung von oben herab. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung der Brandmauer und der persönlichen roten Linie.

Nah dran am ländlichen Alltag

Olaf Sundermeyer arbeitet als Journalist für die ARD und ist seit 20 Jahren in Brandenburg tätig. Dort beobachtet er mit fast schon lässiger Regelmäßigkeit AfD-Parteifunktionäre, Führungsköpfe völkisch-identitärer Bewegungen, Bürgermeister und letztlich auch überzeugte Wähler der AfD. Seine Recherchen finden vor allem im ländlichen Raum und ganz nah an den Menschen statt. Er besucht zum Beispiel das sommerliche Backfest, das Osterfeuer oder die ehemalige Dorfkneipe Susi, die heute als AfD-Parteibüro dient – den alten Schriftzug noch immer an der Wand.

Sundermeyer beschreibt seine Erlebnisse anschaulich und zeigt, wie traditionsreiche Feste und soziale Treffpunkte im ländlichen Raum zunehmend von der AfD vereinnahmt und für einen dauerhaften Wahlkampf genutzt werden. Ebenso beleuchtet er die Entstehung vermeintlich harmloser Bürgerinitiativen. Mit Unterstützung der AfD und angefeuert durch eine Politik, die während der Corona-Pandemie vielfach als Bevormundung wahrgenommen wurde, verlassen deren Anhänger plötzlich ihr gewohntes Umfeld und nehmen an großen Demonstrationsmärschen in Cottbus oder Berlin teil.

Die AfD als Teil eines größeren Ganzen

Der Autor geht in seinem Buch aufs Ganze. In einem der vorgelesenen Kapitel beschreibt er die AfD als den „größten Stein im rechts-identitären Mosaik“, der einen neuen politischen Modus des „ständigen Wahlkampfes“ etabliert habe. Ihr Ziel sei demnach nicht der gewaltsame Umsturz, sondern die schrittweise Unterwanderung rechtsstaatlicher Strukturen und ein ideologischer Wandel innerhalb der Zivilgesellschaft. Inzwischen habe die AfD so starke Wahlergebnisse erzielt, dass sie bei der Ausschreibung von Stellen und der Einstellung neuen Personals für den Verwaltungsapparat kaum hinterherkomme. Dennoch verfolge sie weiterhin das selbst gesteckte Ziel, 2029 erstmals einen Kanzlerkandidaten zu stellen und 2033 die Macht im Bundeskanzleramt zu übernehmen – ein Vorhaben, das auch als „Projekt 2033“ bezeichnet wird (Anm. d. Verf.).

Die Ausführungen zeigen, wie umfassend Sundermeyer die Entwicklung der AfD einordnet. Dabei geht es ihm nicht nur um Wahlergebnisse und Parteipolitik, sondern auch um die Frage, wie sich politische Einstellungen und gesellschaftliche Strukturen verändern.

Zwischen klarer Abgrenzung und Verständnis für die Wähler

So hart und deutlich Sundermeyer mit der AfD und ihren Führungsköpfen ins Gericht geht und sie als Rechtsextremisten und Neonazis bezeichnet, so differenziert fällt sein Urteil über die weniger aktiven Wähler aus. Abgesehen von einer Gruppe stark ehrenamtlich engagierter AfD-Anhänger, die in vielen ostdeutschen Dörfern und einigen westdeutschen Hochburgen präsent seien, begegne er vielen Wählern und Sympathisanten, die er auch als Opfer ihrer eigenen Lebensumstände wahrnehme.

Seine Beobachtung bringt er drastisch auf den Punkt: Die Einstufung der AfD als in Teilen gesichert rechtsextrem und die Beobachtung ihrer Funktionäre und Aktivitäten durch den Verfassungsschutz seien für einen Großteil der Wählerschaft in Brandenburg kaum mehr als ein Grund zum Schmunzeln – oder schlicht irrelevant. Entscheidend sei vielmehr der Eindruck, dass die AfD ihre Sorgen und Ängste ernst nehme, vor Ort präsent sei und ihrer Wut eine politische Stimme gebe.

Gerade dieser Blick auf die Wählerschaft macht die Diskussion für mich besonders interessant: Sundermeyer grenzt sich klar von der AfD und ihrer Ideologie ab, versucht aber gleichzeitig zu erklären, warum die Partei für Menschen attraktiv ist, die sich von der etablierten Politik nicht mehr angesprochen fühlen.

„Verachtet Positionen, aber keine Menschen“

Das Resümee vor dem großen Freiburger Publikum fällt eindeutig aus und macht deutlich, dass der Autor – wie er selbst sagt – in einem anderen Land lebt:

Die AfD sei zweifelsohne rechtsextrem und vertrete mit ihrer völkisch-nationalistischen Ideologie gezielt gruppenfeindliche Positionen. Einige ihrer Wähler teilten diese Ansichten, doch längst nicht alle. Ein noch größerer Teil folge der Partei aus Angst und Verunsicherung. Diese Menschen gelte es, mit demokratischen Mitteln zurückzugewinnen. Ebenso wichtig sei das Engagement jedes Einzelnen als Teil der Zivilgesellschaft. Vor dieser Verantwortung bewahre uns auch ein mögliches AfD-Verbotsverfahren nicht.

Was von der Veranstaltung bleibt, ist für mich vor allem die Frage, wie eine demokratische Gesellschaft mit Menschen umgehen sollte, die eine Partei wählen, deren politische Positionen sie kritisch sieht oder entschieden ablehnt. Sundermeyer liefert darauf keine einfache Lösung, macht aber deutlich, dass politische Abgrenzung und der Versuch, Menschen zurückzugewinnen, sich nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

Sundermeyer schließt mit einem Appell, der die Spannung des Abends auf den Punkt bringt: „Verachtet Positionen, aber keine Menschen.“

Ansprechperson

Claudia Luzar, Professorin an der KH Freiburg

Prof.in Dr. Claudia Luzar

Professorin

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