Forschung

Forschung, die in die Gesellschaft wirkt

Eine Person sitzt an einem Arbeitstisch zwischen Bücherregalen und liest in einem Buch

30 Jahre Institut für Angewandte Forschung an der KH Freiburg

Vom Institut für Forschung, Entwicklung und Weiterbildung zur zentralen Forschungsstruktur der KH Freiburg: Das IAF feiert im September sein 30-jähriges Bestehen. Ein Blick zurück zeigt, wie sich angewandte Forschung an der Hochschule entwickelt hat – und warum sie gerade dort unverzichtbar ist, wo gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar bei den Menschen ankommen. Wie der neue Prorektor für Forschung, Prof. Dr. Alexander Lenger, betont, gewinnt angewandte Forschung in gesellschaftlich schwierigen Zeiten enorm an Bedeutung, da sie wissenschaftliche Qualität mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet, um frühzeitig Probleme zu erkennen und umsetzbare Lösungen zu entwickeln.

Eine Forschungsfrage kann aus ganz unterschiedlichen Situationen entstehen: in einer Pflegeeinrichtung, in einem sozialen Dienst, in der Bildungsarbeit oder mitten in einer gesellschaftlichen Veränderung. Was braucht es, damit ein neues Konzept funktioniert? Welche Unterstützung hilft Menschen tatsächlich? Und wie lassen sich Veränderungen wissenschaftlich erfassen und gestalten?

Solche Fragen standen auch am Anfang des Instituts für Forschung, Entwicklung und Weiterbildung, dass die damalige KH Freiburg 1996 gründete. Forschung sollte an Fachhochschulen zu einer regulären Aufgabe werden, wissenschaftliche Profile sollten entstehen, Drittmittel eingeworben und Erkenntnisse systematisch in die Praxis übertragen werden.

Für die damalige KH Freiburg hatte diese Entwicklung eine besondere Bedeutung. Soziale Arbeit, Heilpädagogik, Pflege und verwandte Berufsfelder befanden sich in einem Prozess der Professionalisierung und Akademisierung. Gleichzeitig stellten demografischer Wandel, steigender Pflegebedarf, veränderte Familienstrukturen, Migration und wachsende Anforderungen an Qualität und Evaluation die Praxis vor neue Herausforderungen.

Das IAF sollte deshalb eine Verbindung schaffen: zwischen Wissenschaft und beruflicher Praxis, zwischen Erkenntnis und konkreter Veränderung.

Von der Drehscheibe zum Forschungsprofil

Das IAF war zunächst eine Art Drehscheibe für diese Verbindung. Bedarfsanalysen, Evaluationen von Modellprojekten, Organisations- und Personalentwicklung sowie Qualitätssicherung gehörten zu den frühen Arbeitsfeldern. Externe Forschungsaufträge und Drittmittelprojekte ermöglichten es, konkrete Fragen aus der Praxis wissenschaftlich zu bearbeiten.

Ein wesentlicher Baustein in dieser Anfangsphase war zudem der Bereich der Weiterbildung, der über zwei Jahrzehnte lang im IAF verortet war und neben Projekten auch Studiengänge prägte – was sich damals im Institutsnamen widerspiegelte.

„Das Institut sollte wissenschaftliche Erkenntnisse erzeugen, daraus neue Konzepte und Modelle für die Praxis entwickeln und diese über Weiterbildung und Lehre wieder in die Berufsfelder zurückführen“, sagt Prof. Dr. Edgar Kösler, der das IAF von 2001 bis 2007 leitete.

Der erste Institutsleiter war Prof. Dr. Christoph Steinebach, der das IAF von 1996 bis 2001 führte. Ende der 1990er-Jahre wurden die Forschungsaktivitäten in den Themenfeldern Familie, Kultur, Berufsfeld und Methoden gebündelt. Projekte wie „Starthilfe“, „Personal Peer Culture“ und „Pflegebegleiter“ gehörten ebenso dazu wie Untersuchungen zum Wiedereinstieg in Pflegeberufe. Auch internationale und interkulturelle Fragestellungen gewannen an Bedeutung, etwa bei einem Projekt zur HIV-Prävention in der Ukraine.

Mit der Zeit veränderte sich auch die Rolle des IAF innerhalb der Hochschule. Es übernahm zunehmend Aufgaben der Forschungskoordination und -administration, der Drittmittelakquise, des Projektmanagements und der Vernetzung. Forschungsergebnisse sollten nicht im Projektbericht enden, sondern ihren Weg zurück in Lehre und Praxis finden.

Kösler blickt auf diese Aufbauphase mit Anerkennung zurück: „Es ist schon sehr beeindruckend, welche Entwicklungsdynamiken mit und durch das IAF an der KH Freiburg entstanden sind und wie viele Professor*innen und Lehrbeauftragte sich bei der Entwicklung und Umsetzung von Forschungs-, Entwicklungs- und Weiterbildungsprojekten engagiert haben.“

Forschung wird zum festen Bestandteil der Hochschule

2007 übernahm Prof.in Dr. Cornelia Kricheldorff die Leitung des IAF und damit die Verantwortung für die Weiterentwicklung von Forschung und den zielgerichteten Ausbau der Wissenschaftlichen Weiterbildung. In ihrer 13-jährigen Amtszeit erhielt die Forschung einen ganz neuen Stellenwert an der KH Freiburg. So wurden die Forschungsstrukturen professionalisiert, das Forschungshandbuch entwickelt, drei Forschungsschwerpunkte auf der HRK-Forschungslandkarte verankert und die Drittmittelforschung massiv ausgebaut. Zusätzlich wichtige strukturelle Meilensteine wie die Begleitung von Promotionskollegs.

Damit wurde Forschung immer stärker zu einem festen Bestandteil der strategischen Entwicklung der Hochschule. Kricheldorff betont in diesem Kontext: „Die Forschungsstärke der KH Freiburg und ihre damit verbundene verbesserte Sichtbarkeit in der Wissenschaftslandschaft hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass die Hochschule im Bereich des Qualitätsmanagements nach dem EFQM-Modell, mehrfach mit europaweit gültigen Anerkennungen für herausragenden Leistungen ausgezeichnet worden ist.“

Auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gewann an Bedeutung: So konnten Forschungsprojekte verstärkt zum Sprungbrett für akademische Karrierewege werden. Internationale Kooperationen wurden ausgebaut und Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Qualifizierung geschaffen.

Forschung braucht Menschen, die für Fragen brennen

Ab 2020 leitete Prof.in Dr. Ines Himmelsbach das IAF und setzte weitere Schwerpunkte: die Internationalisierung der Forschung, die Förderung des akademischen Mittelbaus, größere Förderlinien von Bund und Ländern sowie die Begleitung der KH Freiburg auf ihrem Weg zum Promotionsrecht.

Mit dem IAF-Kolloquium entstand ein Forum für den wissenschaftlichen Austausch. Drei Qualifizierungsstellen wurden eingerichtet, um HAW-spezifische Karrierewege zu fördern. Zugleich wurde die Forschungskoordination so weiterentwickelt, dass die Hochschule ihre Forschungsaktivitäten langfristig und unabhängig von einzelnen Amtszeiten organisieren kann.

Himmelsbach beschreibt die Arbeit in der Forschungsleitung vor allem als Arbeit mit Menschen und ihren Ideen: „Man trifft die Kolleginnen und die jungen Wissenschaftlerinnen häufig dort, wo sie ‚für etwas brennen‘. Das ist eine wundervolle Form von Arbeit!“

2020 wurden Forschung und Weiterbildung organisatorisch getrennt. Das IAF konzentriert sich seither als reines Forschungsinstitut auf seine wissenschaftlichen Aufgaben; die wissenschaftliche Weiterbildung wurde im Institut für Wissenschaftliche Weiterbildung (IWW) gebündelt.

Was angewandte Forschung heute leisten kann

Wie weit sich die Forschung an der KH Freiburg in drei Jahrzehnten entwickelt hat, zeigen aktuelle Kennzahlen. Bei den Drittmitteln pro Professur liegt die Hochschule im landesweiten Vergleich der baden-württembergischen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften im oberen Mittelfeld. Mit 5,8 Publikationspunkten pro Professur erreicht die KH Freiburg den höchsten Wert unter den 21 HAW, die in die landesweite Berechnung einbezogen wurden.

Auch in der Nachwuchsförderung ist die Hochschule aktiv: Rund 30 Prozent der Lehrenden sind im Promotionszentrum der HAW Baden-Württemberg engagiert. Rund 50 Promovierende werden dort sowie in kooperativen und assoziierten Promotionsverfahren betreut.

Diese Zahlen stehen für eine Entwicklung, die über drei Jahrzehnte reicht: Forschung ist an der KH Freiburg heute kein ergänzender Bereich neben Lehre und Studium, sondern ein wesentlicher Teil ihres Profils als Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Von der Forschungsfrage in die Praxis

Ein aktuelles Beispiel dafür ist das vierjährige Forschungsprojekt DIGESA – „Förderung digitaler Gesundheit im (hohen) Alter“. Es untersucht, wie ältere Menschen digitale Gesundheitsangebote nutzen können und welche Barrieren dabei bestehen.

Im Mittelpunkt stehen unter anderem digitale und gesundheitliche Kompetenzen, soziale Ressourcen und strukturelle Bedingungen. Gleichzeitig werden Konzepte entwickelt, mit denen ältere Menschen andere ältere Menschen beim Zugang zu digitalen Gesundheitsangeboten unterstützen können.

Damit verbindet DIGESA Forschung, Praxis und Transfer und greift ein Prinzip auf, das das IAF seit seiner Gründung begleitet: Forschung setzt bei gesellschaftlich relevanten Fragen an und bringt ihre Ergebnisse dorthin zurück, wo sie gebraucht werden.

Für den Prorektor für Forschung, Prof. Dr. Alexander Lenger, liegt gerade darin die besondere Bedeutung angewandter Forschung: „Die Hochschule arbeitet in Feldern, in denen gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar sichtbar werden: im Gesundheitswesen und in der Pflege, in der Sozialen Arbeit, in Bildung und Erziehung. Forschung kann hier dazu beitragen, Entwicklungen empirisch zu verstehen, neue Ansätze zu erproben und Wissen für die Praxis bereitzustellen.“

30 Jahre – und die nächste Etappe

Die Geschichte des IAF ist damit auch eine Geschichte der KH Freiburg. Aus einem 1996 gegründeten Institut, das Forschung, Entwicklung und Weiterbildung zunächst unter einem Dach bündelte, ist eine zentrale Forschungsstruktur der Hochschule geworden.

Die Themen haben sich verändert. Die Forschungsstrukturen sind professioneller geworden. Die Hochschule ist stärker international vernetzt, Drittmittelforschung und Publikationen haben an Bedeutung gewonnen, und mit der Möglichkeit von Promotionen eröffnen sich neue wissenschaftliche Perspektiven.

Geblieben ist der Anspruch, Wissenschaft und Praxis miteinander zu verbinden.

Wie Prof. Dr. Alexander Lenger weiter ausführt: „Die Zukunft des IAF liegt in einer Forschung, die gesellschaftliche Herausforderungen aufgreift und wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Lösungen übersetzt. Dazu gehören unter anderem die Versorgungsforschung, die Auseinandersetzung mit sozialen Konflikten und Ungleichheiten sowie die Gestaltung der sozioökologischen Transformation.“

Die kommenden Jahre werden neue Fragen bringen: zur digitalen Transformation, zum demografischen Wandel, zu Pflege und Gesundheit, sozialer Teilhabe, Bildung und der Zukunft sozialer Berufe. Das IAF will diese Entwicklungen weiterhin wissenschaftlich begleiten und gemeinsam mit Praxispartnern nach Antworten suchen.

30 Jahre nach seiner Gründung steht das IAF damit nicht am Ende einer Entwicklung. Das Jubiläum markiert vielmehr den nächsten Abschnitt einer Geschichte, die mit einer grundlegenden Idee begann: Wissenschaft soll nicht nur Erkenntnisse schaffen, sondern dort wirksam werden, wo Menschen und Gesellschaft vor konkreten Herausforderungen stehen.

Ansprechperson

Alexander Lenger, Prorektor für Forschung der KH Freiburg

Prof. Dr. habil. Alexander Lenger

Prorektor Forschung, Institutsleitung IAF, Professor

Ines Himmelsbach, Professorin an der KH Freiburg

Prof.in Dr. phil. Ines Himmelsbach

Studiengangsleitung Angewandte Gerontologie

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