KH Freiburg
Bindung stärken, wo Belastungen hoch sind: Der STEEP™-Ansatz in der Praxis
Die gesellschaftlichen Herausforderungen für Familien sind hoch: Steigender Druck, vielfältige Lebensentwürfe und multiple Belastungen prägen den Alltag im Sozial- und Gesundheitswesen. Mit der Weiterbildung STEEP™ (Steps Toward Effective, Enjoyable Parenting) bietet das Institut für Wissenschaftliche Weiterbildung (IWW) der KH Freiburg Fachkräften ein evidenzbasiertes Interventionsprogramm an, um hoch belastete Familien feinfühlig und nachhaltig zu begleiten.
IWW: Unsere gesellschaftliche Realität verändert sich rasant: Patchworkfamilien, steigende psychische Belastungen bei Eltern und die enorme Vielfalt von Lebensentwürfen prägen den Alltag in sozialen und gesundheitlichen Berufen. Warum ist der STEEP™-Ansatz genau jetzt so wichtig wie nie zuvor?
Bernd Traxl: Weil viele Eltern multiplen Belastungen und Benachteiligungen ausgesetzt sind und unter einem enormen Druck elterliche Herausforderungen oft nicht mehr alleine lösen können. STEEP™ bietet hier einen Ansatz an, der rar geworden ist: nämlich eine langfristige Begleitung von Hoch-Risiko-Familien. Er holt Familien genau da ab, wo sie stehen – ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Standard-Ratgeber-Tipps. Ziel ist die Feinfühligkeit der Eltern, insbesondere in Momenten der Überforderung, zu stärken, um langfristig die Bedingungen für positive Bindungserfahrungen ihrer Kinder herzustellen. STEEP™ liefert dafür das wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig zutiefst menschliche Handwerkszeug.
IWW: Das Programm trägt den schönen Namen „Steps Toward Effective, Enjoyable Parenting“. Herr Traxl, wie schaffen wir es in der Praxis, dass Elternschaft nicht nur „effektiv“ im Sinne der Entwicklung des Kindes ist, sondern für die Familien auch wieder „enjoyable“ – also voller Freude – wird?
Bernd Traxl: Indem der Fokus weg vom Funktionieren zum gemeinsamen Erleben gelenkt wird. „Effektivität“ klingt im Deutschen oft sehr technisch, meint bei STEEP™ aber schlichtweg: Ich verstehe, was mein Kind braucht, und kann prompt darauf reagieren. Und genau hier entsteht die Freude (das Enjoyable). Wenn eine Mutter oder ein Vater ihr Kind und sich selber besser verstehen lernt, schwindet die Ohnmacht. Stattdessen erleben die Eltern Selbstwirksamkeit. Freude entsteht in den kleinen, gelingenden Momenten – beim gemeinsamen Lachen, beim Blickkontakt, beim gemeinsamen Meistern einer Krise. STEEP hilft den Eltern, diese oft übersehenen Momente wieder wahrzunehmen und bewusst zu genießen.
IWW: Frau Bertschinger, als Psychologin und Systemische Therapeutin schauen Sie ganz besonders auf die Beziehungsmuster und die innere Haltung der Eltern. Wie gelingt es mit STEEP™, auch Eltern zu erreichen, die aufgrund eigener Traumata oder hoher Belastung erst einmal sehr wenig Zugang zu dieser Freude oder zu den Signalen ihres Kindes haben?
Viola Bertschinger: Gerade bei Eltern, die selbst traumatische Erfahrungen gemacht haben oder aktuell unter einer sehr hohen Belastung stehen, geht es zunächst weniger darum, ihnen die Freude am Kind „beizubringen“. Entscheidend ist vielmehr, einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem sie überhaupt wieder Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und zu den Signalen ihres Kindes entwickeln können. Die Wahrnehmung oder Interpretation kindlicher Signale können verzerrt sein: ein Weinen wird dann beispielsweise nicht als Hilferuf des Kindes erlebt, sondern als absichtliches Ärgern. Hier kann STEEP™ helfen, sehr kleinschrittig zu arbeiten: gemeinsam beobachten, innehalten, die Perspektive des Kindes einnehmen und neugierig fragen: „Was möchte Ihr Kind uns gerade mitteilen?“ Besonders wichtig finde ich dabei, die Eltern nicht mit dem Anspruch zu konfrontieren, sofort „feinfühlig“ reagieren zu müssen. Vielmehr dürfen auch Unsicherheit, Überforderung und Momente des Nicht-Verstehens Platz haben. Beziehungssicherheit entsteht nicht dadurch, dass Eltern immer richtig reagieren, sondern dadurch, dass sie erleben: Wir können etwas gemeinsam herausfinden, wir können Fehler reparieren und wir können wieder in Kontakt kommen.
IWW: Ein Herzstück der Weiterbildung ist die Videointervention und das Video-Feedback. Manche Fachkräfte (und auch Familien) haben anfangs Berührungsängste mit der Kamera. Herr Traxl, wie nehmen Sie diese Ängste und was macht das Medium Video in der Beziehungsarbeit so unglaublich mächtig?
Bernd Traxl: Die Angst vor der Kamera ist völlig normal – niemand wird gerne beobachtet. Die Angst wird bei STEEP dadurch genommen, indem die Kamera nicht als Kontrollinstrument eingesetzt wird, sondern für die gemeinsame Suche nach gelingenden Momenten. Es werden keine Fehler gesucht, sondern Momente, in denen die besondere Verbindung zwischen Eltern und ihren Kindern offensichtlich wird: seeing is believing – Ein Lächeln des Babys dauert manchmal nur den Bruchteil einer Sekunde. Wenn einer hochbelasteten Mutter in Zeitlupe gezeigt werden kann wie ihr Baby ihre Nähe sucht und sich entspannt – dann bricht das Welten auf. Das Video liefert den Beweis für das Gelingen. Das verändert das elterliche Selbstbild nachhaltig, wie es kein gesprochenes Wort je könnte!
IWW: Frau Bertschinger, Sie begleiten die Teilnehmenden intensiv bei der praktischen Einübung der Videosignalanalyse. Wie erleben Sie den Aha-Effekt bei den Fachkräften selbst, wenn sie lernen, Videos aus einer bindungstheoretischen und systemischen Perspektive auszuwerten?
Viola Bertschinger: Der Aha-Effekt entsteht oft in dem Moment, in dem die Fachkräfte merken: Hinter einem scheinbar schwierigen Verhalten des Kindes steckt eine Botschaft an sein Gegenüber und auch das Verhalten der Eltern hat einen guten Grund. Durch die Videoanalyse lernen sie, genauer hinzuschauen, Beziehungsmuster und Wechselwirkungen zwischen Eltern und Kind zu erkennen, neue Perspektiven ins Gespräch zu bringen und kleine, oft übersehene Momente von gelingender Interaktion (sogenannte „Magic Moments“) wahrzunehmen und zu fokussieren – das verändert häufig sehr unmittelbar ihren Blick auf Eltern und Kind und ebenfalls durch regelmäßige Videointervention den Blick der Eltern auf ihr Kind.
IWW: Die Weiterbildung richtet sich an ein breites Spektrum von Fachkräften – von erfahrenen Sozialpädagog*innen in den Frühen Hilfen bis zu Hebammen oder Erzieher*innen. Herr Traxl, wie profitiert dieses interdisziplinäre Miteinander im Kurs voneinander?
Bernd Traxl: Familien leben nicht in Schubladen – sie brauchen ein Netz, das sie hält. Wenn im Kurs die Hebamme, die den ganz frühen, körperlichen Blick auf die erste Lebensphase hat, neben der Sozialpädagogin aus der Familienhilfe und dem Erzieher aus der Kita sitzt, passiert etwas Hervorragendes. Jeder lernt, die Sprache der jeweils anderen Profession zu verstehen und seine Expertise und seinen Blickwinkel einzubringen. Das interdisziplinäre Miteinander schließt die Lücken im Hilfesystem, durch die Familien leider viel zu oft durchrutschen. Es entsteht ein gemeinsames Fundament für die Praxis.
IWW: Frau Bertschinger, welche persönlichen oder fachlichen Voraussetzungen sollten Teilnehmende mitbringen, um STEEP™ erfolgreich in ihren Berufsalltag zu integrieren? Braucht man fundierte Vorkenntnisse in Videoanalyse oder Bindungstheorie?
Viola Bertschinger: Wichtig ist vor allem die Freude an der Arbeit mit (hoch)belasteten Eltern und ihren Babys oder Kleinkindern. Daneben sind eine wertschätzende, neugierige Haltung und die Bereitschaft, das eigene professionelle Handeln zu reflektieren und die Offenheit für unterschiedliche Lebensrealitäten relevant. Jede Familie ist anders und bringt ihre eigenen Herausforderungen mit, doch eines verbindet alle: sie wollen gute Eltern sein. Fundierte Vorkenntnisse in Videoanalyse oder Bindungstheorie sind nicht zwingend erforderlich – die notwendigen Grundlagen und die praktische Anwendung werden im Rahmen der STEEP™-Fortbildung Schritt für Schritt vermittelt, eingeübt und durch regelmäßige Supervision und Intervision reflektiert.
IWW: Die Anforderungen an soziale Dienste und Frühe Hilfen steigen, während die Ressourcen knapper werden. Herr Traxl, warum profitieren Einrichtungen und Träger langfristig finanziell und qualitativ davon, wenn sie jetzt ein Teammitglied zum/zur STEEP™-Berater*in ausbilden lassen?
Bernd Traxl: Es ist ganz einfach: STEEP™ ist hocheffektive Prävention. Wir wissen aus der Bindungsforschung, dass früh ansetzende Hilfen, die die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig stärken, spätere, weitaus teurere Fehlentwicklungen und stationäre Maßnahmen verhindern können. Für die Träger bedeutet das konkret: Qualitativ heben sie ihre Arbeit auf ein sehr hohes, evidenzbasiertes Niveau, was auch die Attraktivität der Einrichtung für Fachkräfte steigert. Finanziell und ressourcentechnisch ist es eine Investition, die sich auch ökonomisch amortisiert: Gut ausgebildete STEEP™-Berater*innen arbeiten für eine langfristige und nachhaltige Veränderung und Verbesserung im familiären System mit transgenerationalen Folgen, insbesondere der Weitergabe von Bindungsmustern.
IWW: Frau Bertschinger, zum Abschluss: Wenn Sie die Wirkung der Weiterbildung STEEP™ in einem Satz zusammenfassen müssten – was geben Sie den Teilnehmenden für ihre Arbeit mit?
Viola Bertschinger: Es gibt keinen Weg perfekte Eltern zu sein, doch es gibt tausend Möglichkeiten, gute Eltern zu sein! Genau diese Momente halten wir im Video fest und ermöglichen Schritt für Schritt immer mehr dieser Momente.