Wie gemeinschaftliche Pflege und lokale Initiativen ein selbstbestimmtes Altern ermöglichen
Der Pflegenotstand ist keine düstere Zukunftsprognose mehr – er ist Realität. Wenn die Generation der „Babyboomer“ in Rente geht, trifft ein steigender Bedarf auf ein System, das schon jetzt an seine Grenzen stößt. Doch wie kann ein würdevolles, selbstbestimmtes Altern gelingen? In der SWR-Sendung „Das Wissen“ liefert Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff, renommierte Gerontologin der KH Freiburg, die entscheidenden wissenschaftlichen Impulse für einen radikalen Strukturwandel.
Der Kern der Lösung: Die „Sorgende Gemeinschaft“
Für Professorin Kricheldorff ist klar: Das bisherige System der professionellen Pflege wird allein nicht ausreichen. Die Lösung liegt im sogenannten Hilfe- und Pflegemix. Es geht um ein enges Zusammenspiel zwischen professionellen Diensten, der Kommune und dem informellen Netzwerk der Bürgerschaft.
Eines der Paradebeispiele, das Kricheldorff wissenschaftlich begleitet hat, ist das Quartiersprojekt in Karlsruhe Beiertheim-Bulach. Hier wird das Prinzip der „Sorgenden Gemeinschaft“ gelebt. Doch die Expertin warnt davor, solche Projekte einfach „von oben herab“ zu planen:
„Man kann nicht einem Quartier ein Projekt überstülpen. Es muss ein echter Bedarf sein, der aus dem Wohnquartier herauskommt“, betont Kricheldorff.
Individuelle Lösungen statt Einheitsbrei – das ist ihr Credo. Nur wenn die Menschen in ihrer eigenen Lebenswelt abgeholt werden, entwickelt sich die nötige Dynamik für langfristigen Erfolg.
Weg von der Bevormundung, hin zur Selbsthilfe
Ein entscheidender Punkt in Kricheldorffs Ansatz ist die Aktivierung der Betroffenen. Es geht nicht darum, den Menschen alles abzunehmen, sondern ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten.
- Prävention durch Teilhabe: Wer aktiv bleibt und soziale Kontakte pflegt, bleibt nachweislich länger gesund.
- Hilfe zur Selbsthilfe: Unterstützung (wie gemeinsames Kochen) sollte dort ansetzen, wo Eigenkräfte nicht mehr ausreichen, ohne die Autonomie der Senioren zu untergraben.
- Lebenswelt-Orientierung: Projekte müssen an den „echten, eigenen Bedarfen“ der Anwohner anknüpfen.
Der notwendige Schulterschluss
Kricheldorff beobachtet einen positiven Trend: Der spürbare demografische Wandel führt endlich zu einem Umdenken in den Kommunen. Pflege wird zunehmend als lokale Gestaltungsaufgabe verstanden und nicht mehr nur als rein medizinisches oder bürokratisches Problem.
Ein optimistischer Ausblick
Trotz der großen Herausforderungen bleibt Professorin Kricheldorff optimistisch. Die Entstehung zukunftsweisender Strukturen sei in vollem Gange. Wenn Politik, professionelle Pflege und eine engagierte Bürgerschaft Hand in Hand arbeiten, kann das Alter wieder zu dem werden, was es sein sollte: Ein selbstbestimmter Lebensabschnitt in vertrauter Umgebung.
Das Wissen und die Begleitung durch Expertinnen wie Frau Kricheldorff zeigen, dass die KH Freiburg hierbei eine zentrale Rolle als Impulsgeberin für soziale Innovationen einnimmt.
Ansprechperson