Ein Rückblick auf die Forschungsreise der KH Freiburg: Wie Masterstudierende und lokale Partner gemeinsam Impulse für die inklusive Bildung im Primarbereich entwickelten.
Von der empirischen Feldforschung in Battambang bis zum fachpolitischen Dialog in Phnom Penh: Im Februar 2026 gestalteten Studierende des Masters Klinische Heilpädagogik der KH Freiburg im Rahmen eines Lehr-Forschungsprojektes zum Stand der Umsetzung des Menschenrechts auf inklusive Bildung aktiv den fachlichen Austausch mit Partner*innen in Kambodscha. Im Rahmen von „Erasmus+ KA171“ arbeiteten sie gemeinsam mit dem Saint Paul Institute (SPI) an Perspektiven für eine inklusive schulische Bildung.
Empirische Feldforschung: Inklusion an der Basis
Ein erster fachlicher Schwerpunkt der Reise lag in einer fünftägigen empirischen Phase in der Provinz Battambang. Sara Duendar, Antonia von Maydell, Clara Jacob und Theresa Poscharsky, vier Masterstudierende der Heilpädagogik der KH Freiburg arbeiteten hier Hand in Hand mit acht Studierenden und Mr. Gnim, dem Leiter des Studienbereichs Soziale Arbeit vom Saint Paul Institute (SPI) in Takeo. Das SPI ist die einzige katholische Hochschule in Kambodscha. Vorbereitet und geleitet wurde das Projekt auf deutscher Seite von Prof. Dr. Jens Clausen und Prof. Dr. Edgar Kösler, die schon seit 2018 in enger Kooperation mit Caritas International mit den kambodschanischen Partnern zusammenarbeiten.
Hintergrund des Projekts ist die Tatsache, dass nach Aussagen von UNICEF (2024) in Kambodscha gut die Hälfte der Kinder mit Beeinträchtigungen keine Schule besuchen.
In Kooperation mit Caritas Cambodia und KARUNA Battambang untersuchten die Studierenden deshalb unterschiedliche schulische und häuslichen Lernsettings, um Barrieren und Chancen für eine Teilhabe von Kindern mit Beeinträchtigungen an inklusiven Bildungsangeboten zu identifizieren. Auch bei den qualitativen Interviews mit den Eltern mit beeinträchtigten Kindern vor Ort lag der Fokus auf der Suche nach Gründen, weshalb so viele Kinder mit schwereren Beeinträchtigungen keine Schule besuchen. Ihnen werden stattdessen Angebote von wenigen Stunden pro Monat im familialen Umfeld im Rahmen des „Home based care“ Konzeptes angeboten.
Sehr eindrücklich war auch ein Gespräch mit Mönchen einer buddhistischen Hochschule zu den unterschiedlichen buddhistischen Traditionen von Einstellungen zu Behinderungen: Liegt der Fokus beim „Dukkha“ (Behinderung als Form des Leidens) darauf, dieses Leiden durch Achtsamkeit, Akzeptanz und tatkräftige Hilfe zu lindern, anstatt es wie beim „Karma“ als persönliche Schuld zu bewerten, steht bei „Karuna“ das Ideal des Mitgefühls und der Unterstützung im Mittelpunkt
Dieser interdisziplinäre Ansatz ermöglichte es den Studierenden, theoretische Konzepte der Inklusion mit der kambodschanischen Praxis abzugleichen und einen interkulturellen Forschungsansatz zu verfolgen.
Internationaler Fachdiskurs in Takeo
Die in einer Dokumentenanalyse erhobenen Erkenntnisse bildeten das Fundament für ein vertiefendes dreitägiges Fachseminar am Saint Paul Institute in Takeo. Unter Beteiligung von Studierenden und Lehrenden der Royal University of Phnom Penh (RUPP) und des National Institute of Social Affairs (NISA) wurden folgende zentralen Themen zur Situation der sozialen Inklusion debattiert:
- Inklusive Bildung als Menschenrecht: Das Kambodaschische Bildungsministerium (MoE) referierte über Herausforderungen und Ziele im Bereich der schulischen Bildung. Prof. Dr. Clausen machte in einem grundlegenden Input deutlich, wie Exklusion, Integration und Inklusion sich zentral darin unterscheiden, wie Vielfalt in der Gesellschaft behandelt wird. Inklusion als fundamentales Menschenrecht setzt dabei auf gleichberechtigte Teilhabe auch als fundamentalem Ziel der Sozialen Arbeit und Heilpädagogik.
- Einstellungsbarrieren: Das Centre for Child and Adolescent Mental Health (CCAMH) beleuchtete die gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen und die Rolle von Sozialarbeiter*innen bei deren Bewältigung. Prof. Dr. Edgar Kösler zeigte zentrale Faktoren bei der Entstehung von Einstellungen und Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderungen sowie praktische Möglichkeiten zur Einstellungs- und Verhaltensänderung auf.
- Entwicklungsperspektiven: In einem direkten Austausch wurden Good-Practice-Beispiele zur inklusiven Bildung aus Finnland präsentiert und in einem world-cafe´ als Anregungen für die Weiterentwicklung der Schulen in Kambodscha genutzt.
Feierlicher ERASMUS+ Kick-off auf dem Mekong
Den Abschluss der Reise, der zugleich offizieller Startschuss der ERASMUS-Kooperation war, bildete ein Festakt am 26. Februar 2026 auf der „Kanika Boat“ in Phnom Penh. Vor rund 40 Teilnehmenden betonten Vertreter beider Länder die Relevanz dieser Partnerschaft.
Dr. Phon Sophal, Rektor des SPI, eröffnete die feierliche Zeremonie. Seitens der KH Freiburg zeigte Prof. Dr. Edgar Kösler die Entwicklung der Zusammenarbeit auf und stellte deren Potenziale heraus. Naomi Hiroe-Helbing (International Office) machte auf die besondere Anerkennung der Partnerschaft durch das ERASMUS plus Programm aufmerksam. Bischof Olivier Schmitthaeusler, der zugleich Kanzler des SPI ist, betonte die friedensstiftende Wirkung der Zusammenarbeit.
H.E. Dr. Som Ratana (Staatssekretär im Ministry of Education, Youth and Sport), Dr. Gidon Windecker (Deutsche Botschaft) und Direktor Rattana (Caritas Cambodia) würdigten das Projekt als wichtigen Baustein für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in Kambodscha.
Parallel zum Forschungsprojekt nutzte Naomi Hiroe-Helbing vom International Office die Reise auch für gezielte Netzwerkbesuche bei weiteren Hochschulen. Dazu gehörten Gespräche mit Vertreterinnen u.a. der Royal University of Phnom Penh, der National University of Battambang sowie der Preah Sihanouk Raja Buddhist University. Ziel dieser Treffen war es, mögliche Kooperationen in Lehre, Forschung und Studierendenaustausch auszuloten und das internationale Netzwerk der KH Freiburg in Südostasien weiter auszubauen. Der persönliche Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Studierenden vor Ort zeigte großes Interesse an langfristigen Partnerschaften und eröffnete neue Perspektiven für zukünftige Projekte.
Mit dieser Reise wurde also nicht nur ein Forschungsprojekt realisiert, sondern durch viele Gespräche und Besuche ein nachhaltiges Netzwerk zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik geknüpft, das die inklusive Bildung in Kambodscha langfristig stärken wird.
Ansprechperson