Vermitteln und Verstehen


10.02.2021 | Forschungsprojekt "Evaluation KGAM"

„Katholische Gemeinden anderer Muttersprachen“: Bereits die Bezeichnung verschafft Aufmerksamkeit. Zum einen stellt sich die Frage, wer die anderen sind. Zum anderen wird als markantes unterscheidendes Merkmal die Muttersprache genannt. In der Verhältnisbestimmung der „anderen“ entsteht leicht der Eindruck, dass die nicht-deutschen Muttersprachen die „anderen“ sind. Hingegen ist jede Muttersprache die je „andere“, die für eine je eigene Kultur steht. An den „anderen“ wird sich also entscheiden, ob es zu einem interkulturellen Dialog kommt oder beim Versuch einer Integration des „anderen“ bleibt. Gleichzeitig macht der Aspekt der Muttersprache deutlich, dass sie nicht nur ein Unterscheidungskriterium darstellt, sondern dass sie den entscheidenden Anker der eigenen Identität, Geschichte und Genealogie symbolisiert.
Sowohl in der qualitativen als auch in der quantitativen Studie fordern die Befragten einen gesicherten Raum für die eigene Muttersprache. Um diesen zentralen Aspekt der eigenen Kultur zu erhalten, werden Gottesdienst und andere Sakramente in der eigenen Muttersprache verlangt. Hinter dem Symbol der Muttersprache stecken phänomenologische Differenzen und Heterogenität, die eigene Geschichte und Herausforderungen will gesehen und berücksichtigt werden. In diesem Sinne möchten Mitglieder „anderer“ Nationalitäten eine eigenständige Struktur, die aber nicht in einer institutionellen oder juristischen Weise gemeint ist. Eine hohe Sensiblität für diese Hintergründe ist die Grundlage für ein Kennenlernen und ein Gemeinsam-Kirche-Sein von Katholik*innen unterschiedlicher Muttersprachen.
Ohne dieses Verstehen entstehen schnell Missverständnisse oder falsche Vermutungen. Kaum ein Fünftel der Katholik*innen anderer Muttersprachen glaubt, dass Begegnungen mit deutschsprachigen Katholik*innen inspirierend oder attraktiv sein können. Es braucht also neue Erfahrungs- und Begegnungsräume, die das Gegenteil beweisen. Auf der Basis eines verstehenden Kennenlernens, das gleichsam „out of the box“ stattfindet, kann es zu neuen Erfahrungen kommen. Denn 70% der katholischen Gemeinden anderer Muttersprachen und 90% der deutschsprachigen Gemeinden wünschen sich mehr Kooperation mit den anderen.
Allerdings werden Gottesdienste und Katechese als gemeinsame Begegnungsorte weniger hoch bewertet als ein gemeinsames Fest, Jugendarbeit oder Singen in einem Chor. Der Gottesdienst in der eigenen Muttersprache ist der sich unterscheidende Stil in der eigenen Kultur, der ungern zur Verfügung gestellt wird. Es geht also mehr darum, neue und kreative Orte der Begegnung zu suchen, die Vertrauen und Beziehung ermöglichen, aus denen heraus gemeinsam geplante Veranstaltungen entstehen können.
Eine wesentliche Brückenfunktion nimmt das hauptamtliche Personal der katholischen Gemeinden anderer Muttersprachen ein, sowohl Priester als auch Laien. Bei ihnen findet sich eine sehr hohe Bereitschaft zur Kooperation. Allerdings wünschen sie sich, mehr ernstgenommen und auf Augenhöhe als im Gaststatus behandelt zu werden. Gerne übernehmen sie auch Aufgaben in der deutschsprachigen Gemeinde, wenn sie in einem Beziehungsnetz zum deutschsprachigen hauptamtlichen Pastoralteam stehen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Grundlage für jede Form der Kooperation und für ein gegenseitiges interkulturelles Lernen ist ein Verständnis für Heterogenität und die kulturellen Differenzen. Um solche Divergenzen und kulturellen Eigenheiten und Empfindlichkeiten kennen zu lernen, braucht es Erzähl- und Begegnungsräume, in denen unterschiedliche Auffassungen und die dazugehörigen Begründungen vermittelt und erfahren werden. Für solche Räume braucht es Mut zum Experiment und Kreativität. Trotzdem sollte die hohe Bereitschaft zu gemeinsamer Begegnung nicht ungenutzt bleiben, sondern zu einem gegenseitigen Lernen und Kennenlernen führen.

Bericht zum Forschungsprojekt "Evaluation katholischer Gemeinden anderer Muttersprache".

 

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