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Simone Schlick: Mein Arbeitsplatz in Kalifornien

Simone Schlick, 2009 zu Besuch an der KFH Freiburg

Interview der KH Freiburg mit Simone Schlick

Stellen Sie sich doch bitte kurz vor:

Geboren: 1981 in den USA; Aufgewachsen: Deutschland und USA; Abitur: 2001; FSJ: 2001-2002;
Studium:
Diplom Soziale Arbeit an der KH Freiburg (WS 2002/2003 -  WS 2006/2007), Schwerpunkt: Soziale Arbeit im Gesundheitswesen

Warum wollten Sie ins Ausland gehen?

Ich habe einige Jahre meiner Kindheit und viele Urlaube in den USA verbracht und wollte das Praktikum als Chance nutzen, die USA als Erwachsene und von der professionellen Seite kennen zu lernen.

Wie haben Sie Ihre Auslandszeit vorbereitet und organisiert?

Ich habe alles alleine organisiert, indem ich die Datenbank der KH Freiburg durchsucht habe und dann direkt den Sozialdienstleiter des Janet Pomeroy Centers angerufen habe, weil mich diese Praktikumsstelle am meisten interessiert hat. Ich habe ein günstiges Zimmer bei einer Kollegin vom Janet Pomeroy Center untergemietet (auf dem normalen Wohnungsmarkt wäre es zu teuer gewesen), was sich zufällig durch den Sozialdienstleiter ergeben hat. Ein Visum habe ich nicht benötigt wegen meiner doppelten Staatsbürgerschaft.

Ganz wesentlich hat mich zudem Prof. Dr. Dr. Winfried Effelsberg unterstützt:

  • von ihm stammt ein Empfehlungsschreiben für das DAAD-Stipendium
  • er war der Hauptbetreuer meiner Diplomarbeit (sehr flexibel, weil mein Forschungsprojekt sehr gross angelegt war, und ich die Arbeit im Ausland und auf Englisch verfasst habe)
  • von ihm bekam ich ein Empfehlungsschreiben für die Job-Bewerbung
  • und nicht zuletzt: viele Anregungen und Feedback für meine Karriereplanung

Berichten Sie bitte über Ihre bisherige und die aktuelle Auslandszeit.

Auslandszeit (I) – 2. Praxissemester: SoSe 2005 in San Francisco, USA Einrichtung: The Janet Pomeroy Center (Tageszentrum für Menschen mit Behinderungen)

Auslandszeit (II) – Diplomarbeit Forschungsprojekt: WS 2006/2007 in der San Francisco Bay Area, USA; Diplomarbeit: „To what extent can institutional and non-institutional support structures meet the needs of brain injury survivors? A critical analysis of the status quo in a German and US metropolitan area.”

Auslandszeit (III) – Berufstätigkeit: seit März 2007 in San Francisco, USA; Einrichtung: The Janet Pomeroy Center (Tageszentrum für Menschen mit Behinderungen » www.janetpomeroy.org) und St. Mary‘s Medical Center » www.stmarysmedicalcenter.org; Berufsbild: “Service Coordinator”, San Francisco Traumatic Brain Injury Network » www.janetpomeroy.org/programs_tbi.php. Als Service Coordinator bin ich für umfassendes Case Management von 25 erwachsenen Klienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) verantwortlich. Manche meiner Klienten haben ihre Verletzung schon seit mehreren Jahrzehnten, andere haben sich ihr SHT erst vor einigen Wochen zugezogen. Meine Arbeit teilt sich auf zwischen dem Janet Pomeroy Center, einem Tageszentrum für Menschen mit verschiedenen Behinderungen, und der ambulanten neurologischen Rehabilitation des St. Mary’s Medical Center. Ich mache auch viele Hausbesuche – je nachdem, wie eingeschränkt die Mobilität meiner Klienten ist oder an welchen Projekten wir gemeinsam arbeiten. Basierend auf dem bio-psycho-sozialen Modell bearbeite ich mit meinen Klienten das ganze Spektrum der intensiven Einzelfallhilfe – von A (Anträge stellen) über Mobilitätstraining, Organisation und Wiedereingliederung bis Z (Zusammenarbeit mit anderen Dienstleistungsanbietern).
Ich leite zusätzlich eine Selbsthilfegruppe für SHT Verletzte und gehe als Mitglied verschiedener Verbände regelmäßig auf Konferenzen und Weiterbildungen. Mein Ziel ist es, ein soziales Netz für SHT Überlebende zu schaffen um  ihnen Wege in die Selbstständigkeit zu eröffnen. Als Advokat muss ich mich täglich konstruktiv und kämpferisch für meine Klienten einsetzen. Das altbekannte Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“ bedeutet für mich starke persönliche Beziehungen zu Klienten aufzubauen, aber gleichzeitig auch zu wissen, wann ich  loslassen muss. Manche Klienten benötigen nur einige Monate lang Hilfe; andere Klienten nutzen unsere Dienste schon seit mehreren Jahren – und es ist (noch) kein Ende in Sicht, weil regelmäßig neue Krisen auftauchen, die umfassende Intervention erfordern.

Simone Schlick im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Winfried Effelsberg

Ihre Tipps für Planung, Organisation und Finanzierung?

Für diejenigen, die sich für ein Auslandssemester oder einen Auslandsaufenthalt nach Studienabschluss interessieren: Wendet euch an das International Office der KH Freiburg und kontaktiert den DAAD, um Reisegeld und/oder andere Stipendien zu erhalten.

Falls jemand an den USA interessiert ist und Fragen hat (z. B. wie müssen Bewerbung und Lebenslauf aussehen, wie formuliert man professionelle E-Mails für amerikanische Adressaten, typische „Dos and Don’ts“, wo schaut man sich am Besten nach Wohnmöglichkeiten um) stehe ich gerne zur Verfügung.

Falls jemand seinen KH-Abschluss in den USA anerkannt haben möchte (dies geht nicht automatisch, auch wenn die Abschlüsse in Deutschland jetzt Bachelor und Master heißen!): Ihr müsst euch an den CSWE (Council on Social Work Education » www.cswe.org und deren Abteilung ISWDRES (International Social Work Degree Recognition and Evaluation Service) wenden, für die offiziell übersetzte Unterlagen von der KH Freiburg benötigt werden. ISWDRES entscheidet dann, inwiefern der deutsche Abschluss mit einem US-amerikanischen Studienabschluss in Sozialer  Arbeit gleichgesetzt werden kann. Dies ist entscheidend, falls ihr euch für eine Berufstätigkeit und/oder ein Weiterstudium in den USA interessiert; da müssen gewisse Mindestkriterien erfüllt werden.

Wie sieht Ihr Leben in Kalifornien aus (im Unterschied zu Deutschland; wie z.B. Arbeitszeiten, Freizeitgewohnheiten etc.) ?

Ich wohne in den Hügeln südlich von San Francisco, 20 Minuten vom Strand entfernt; mein Arbeitsplatz ist 500 m vom Strand entfernt.

Die Arbeitszeiten sind wie in Deutschland (8 Stunden am Tag, Montag-Freitag), aber wir haben nur 2 Wochen Jahresurlaub und nur ein paar Nationalfeiertage, an denen wir frei haben (wegen „Multi-Kulti“ sind religiöse Feiertage nicht Teil der Arbeitswelt – Staat und Kirche sind strikt getrennt, und „politically correct“ heißt, dass in keiner Weise diskriminiert werden darf).

Die Freizeitmöglichkeiten sind hier sehr vielfältig mit vielen Naturschutzgebieten und Parks (z.B. Wassersport im Meer, den Seen und Flüssen; Wandern; Skifahren in den Bergen) – Meer und Berge sind nur 3 Stunden voneinander entfernt. Schwimmen in der Umgebung von San Francisco ist keine gute Idee (eiskaltes Wasser, Haie, starke Unterströmung).

Es gibt in San Francisco keine 4 Jahreszeiten wie in Deutschland, weil die Halbinsel zwischen dem Pazifik, San Francisco Bay, und dem Festland liegt. Der Frühling ist mit Deutschland vergleichbar, im Sommer ist es kühl und neblig, im Herbst ist es sehr warm und sonnig, im Winter ist es mild und regnerisch. Es dauert eine lange Zeit, bis sich der Biorhythmus im Körper umstellt und man sich kognitiv daran gewöhnt, dass man im November im T-Shirt an den Strand gehen kann, und dass es in der Adventszeit nicht winterlich ist.

Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der ein Auslandsstudium plant?

  • Vorher genug Informationen sammeln, und, wenn möglich, mit Leuten sprechen die das Prozedere schon durchgemacht haben; das erspart einem Zeit, Nerven, Geld, und vor allem Fehler.
  • Den TOEFL Test so früh wie möglich abnehmen lassen, und dafür mit den entsprechenden Übungsbüchern lernen! Alle top Unis erwarten eine Mindestpunktzahl, damit man überhaupt in den Bewerberpool kommt.
  • Eine Organisation aufzusuchen kann nur von Vorteil sein. Das Goethe Institut und der DAAD sind eine gute Anlaufstelle, um mit anderen Deutschen in der jeweiligen Umgebung Kontakt aufzunehmen – 2009 haben das Goethe Institut und der DAAD in San Francisco z.B. eine Wahlparty zur deutschen Bundestagswahl und eine Adventsfeier veranstaltet.
  • Sich vorher im Klaren sein, ob man mit dem Heimweh klarkommt!!!
  • Vor Ort an allen Orientierungsveranstaltungen der Uni teilnehmen.

Können Sie kurz zusammen fassen, was Ihnen die Zeit in den USA gebracht bzw. was bringt sie Ihnen momentan?

Ich habe mich während meines Praxissemesters in die San Francisco Bay Area verliebt – nicht nur wegen der kulturellen und ethnischen Diversität und der Tatsache, dass es hier trotz aller Unterschiede doch sehr „europäisch“ zugeht im Vergleich zum Rest der USA, sondern auch wegen der atemberaubenden Landschaft und unzähligen Freizeitmöglichkeiten.

Weil ich nach dem Praxissemester unbedingt zurückkommen wollte, entschied ich mich, meine Diplomarbeit so zu gestalten, dass ich einen Teil meines Forschungsprojektes in den USA durchführen konnte. In diesem Zeitraum habe ich mich dann auch nach beruflichen (Weiterbildungs-) Möglichkeiten und interessanten Universitäten umgesehen, da ich entschlossen war, längerfristig in der Bay Area zu leben. Es war keine leichte Entscheidung alles in Deutschland zurückzulassen, was mir wichtig war (Familie, Freunde, etc.), um hier in den USA mit meinem ersten Sozialarbeitsjob und dem Privatleben von vorne anzufangen.

Neben dem gelegentlichen Heimweh nach meiner Familie und meinen Freunden fehlen mir natürlich gewisse typisch deutsche Dinge (Essen, Kultur, Lebensweise, vier Jahreszeiten, der großzügige Jahresurlaub, und die Tatsache, dass man bei längerer Krankheit sein volles Gehalt bekommt) – trotzdem habe ich meine Entscheidung noch keine Sekunde bereut und ich bin mir sicher, dass ich hier den richtigen Weg gehe. Meinen Weg.

Ein paar Worte zum Abschluss?

Entsprechend meiner persönlichen Einstellung hat es mir oft (im negativen Sinne) den Atem verschlagen, als ich nach und nach gelernt habe, wie das US-amerikanische Regierungs-, Sozial- und Gesundheitssystem so anders funktioniert als das Deutsche. Es hat eine Zeit gedauert bis ich gelernt habe die hiesigen Gegebenheiten nicht einfach im Vergleich zu anderen Gesellschaftssystemen zu beurteilen (und zu verurteilen), sondern aus dem System heraus zu verstehen. Es gibt enorme Unterschiede zwischen den Küstenstaaten im Osten und Westen der USA, die in der Regel eher demokratisch/liberal orientiert sind, und den Staaten im Süden und der Mitte des Landes, die traditionell eher republikanisch/konservativ ausgerichtet sind. Fast noch größere Unterschiede gibt es zwischen urbanen Zentren und ländlichen Gegenden, welche im Vergleich zu Deutschland sehr viel dichter bzw. deutlich weniger dicht besiedelt sind. Bei meinen Kollegen und Freunden bin ich als direkt bekannt. Mit dieser in den USA als „typisch deutsch“ angesehenen Herangehensweise bin ich anfänglich des Öfteren ins Fettnäpfchen getreten, habe aber ziemlich schnell nach dem Trial-and-Error Prinzip gelernt, was man in den USA (in der Öffentlichkeit) besser tun und lassen bzw. sagen und nicht sagen sollte. Die Sprache, Fachterminologie und alltägliche praktische Dinge erlernt man ohne Mühe. Viel wichtiger ist es, sich eine kulturelle Sensitivität anzueignen, und diese im Umgang mit den Mitmenschen (vor allem Kollegen und Klienten) zu praktizieren.

Ich habe mir hier ein neues Berufs- und Privatleben aufgebaut und bin sehr glücklich mit den vielen Möglichkeiten, die mir offenstehen. Langfristig kann ich mir allerdings gut vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren, denn ich bin in einer deutschen Familie aufgewachsen und fühle mich nach wie vor deutsch. Ich versuche so oft es geht, in Deutschland Urlaub zu machen, um wertvolle Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Die wöchentlichen Telefonate sind ein absolutes Muss.

Kontakte

  • Falls jemand Interesse hat am Janet Pomeroy Center sein Praxissemester zu absolvieren: Internationale Praktikanten der Sozialen Arbeit sind hier sehr willkommen! Der Sozialdienstleiter (mein ehemaliger Chef) heißt Jay Katz, und er freut sich über enthusiastische, motivierte und qualifizierte Praktikanten. Bei der Kontaktaufnahme bin ich gerne behilflich.
  • Falls jemand Interesse hat sein Bachelor-/Master-Forschungsprojekt in den USA durchzuführen, stehe ich auch gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Meine Kontaktdaten

simoneschlickpeks@dla@yum.googlemail.com; Telefon 001-650-834-4215

 
 
 
 
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