Forschungsfrage “Wie können mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund für das Freiwillige Soziale Jahre (FSJ) gewonnen werden?”
Hintergrund der Forschungsfrage ist, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund sowohl im FSJ als auch in den sozialen Studiengängen weniger repräsentiert sind. Da mittlerweile das freiwillige soziale Jahr und der Zivildienst anerkannte Orte des nonformalen Lernens und Kompetenzerwerbs geworden sind und ihnen auch eine bedeutende Rolle bei der Berufsfindung zukommt, stellt sich die Frage, wie Jugendliche mit Migrationshintergrund dahingehend unterstützt werden können, sich diese Formen anzueignen. Von einer stärkeren Beteiligung am FSJ wird auch eine häufigere Option für soziale Berufe erwartet.
19 leitfadengestützte Interviews
Um sich der Forschungsfrage aus verschiedenen Perspektiven zu nähern, wurden insgesamt 19 leitfadengestützte Interviews mit Vertreter/-innen der folgenden Gruppen geführt:
Zentrale Erkenntnisse aus den Interviews mit den Schüler(inne)n
Keine(r) der befragten Schüler(innen) - zwei Gymasiastinnen und vier Hauptschüler(innen) - hatte vor dem Interview schon einmal etwas über das FSJ gehört. Sie meinten aber, dass – wenn die Anbieter ihnen ein FSJ nahebringen wollen – die üblichen Wege (Flyer oder Plakate) nicht die richtige Anspracheform seien, da diese nicht angeschaut bzw. gelesen würden. Vielmehr sollten Vertrauenspersonen aus ihrem Umfeld wie Lehrer oder Sozialarbeiter(innen) darüber informieren, da diese Informationen viel eher bei ihnen ankämen und angenommen würden.
Zentrale Erkenntnisse aus den Interviews mit den FSJ-ler(inne)n mit Migrationshintergrund
Die von den Schüler(inne)n geäusserte Anspracheform durch Vertrauenspersonen wurden durch die FSJ-ler(innen) bestätigt: So fiel auf, dass keiner der Befragten über Werbemassnahmen der Träger zum FSJ gekommen war, sondern alle über Personen aus dem nahen Umfeld wie Geschwister, Klassenkamerad(inn)en oder eine Sozialarbeiterin.
Dass verhältniswenig Jugendliche mit Migrationshintergrund ein FSJ machen, liegt, so vermuten die Befragten, zum einen daran, dass viele „gar nicht wissen, was das ist“. Und zum anderen denken sie, dass ein grosser Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund den positiven Charakter des FSJ nicht wirklich sieht (da sie vielfach ja auch nicht wissen, was ein FSJ ist), sondern diese für „ein verschwendetes Jahr“ hält, weil es vorgezogen wird, sofort einen Ausbildung oder ein Studium zu beginnen. Hinzu kommt, dass das Konzept FSJ unter Gymnasiat(inn)en, welche trägerübergreifend den grössten Teil der FSJ-ler(innen) darstellen, zwar bekannt ist, unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund aber eine proportional grosse Gruppe die Hauptschule besucht, wo kaum über das FSJ informiert wird.
Zentrale Erkenntnisse aus den Interviews mit den Vertreter(inne)n der Migrantenvereine
In den Gesprächen mit den Vertreter(inne)n der Vereine, die auch vorher noch nichts vom FSJ gehört hatten, wurden einige Vorbehalte gegen ein FSJ geäussert: So gibt es eine Gruppe unter den Migrant(inn)en, die sich nicht vorstellen kann, ihre Eltern in ein Altenheim zu geben und somit in dieser (sehr häufigen) FSJ-Einsatzstelle nicht tätig sein möchte. Hinzu kommt, dass – wie auch die FSJ-ler(innen) schon äusserten - dem direkten Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums oberste Prioriät eingeräumt wird. Diese Aussage ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass immer noch viele Migrantenfamilien geringes Einkommen haben und somit dem schnellen beruflichen Vorankommen der Kinder grosse Bedeutung beimessen und sich ein Jahr FSJ mit einer derart geringen Vergütung nicht leisten möchten / können.
Zentrale Hinweise aus den Interviews mit den Vertreter(inne)n der FSJ-Träger
Die befragten Vertreter(innen) der Träger äussern einheitlich (und teilweise sehr selbstkritisch), dass sie bisher im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit noch nicht mit Migrantenselbst-organisationen kooperieren, obwohl Vertreter(innen) dieser Vereine, wie die im Rahmen der Untersuchung Befragten, Einfluss auf Meinungsbildungsprozesse und somit auch die Planung der beruflichen Orientierungen „ihrer“ Jugendlichen haben. Als weitere Hindernisse sehen sie auch die religiösen Ausrichtungen vieler Träger, die – so wird vermutet – Vorbehalte bei Jugendliche (v.a. muslimischer Zugehörigkeit) schüren und – so die Erfahrungen – dazu führen, dass einige Einsatzstellen konfessionell anders orientierte oder auch konfessionslose Jugendliche (eher) nicht einstellen möchten. Häufig genannt werden auch die fehlenden finanziellen und personellen Kapazitäten der Träger, die diese benötigten, um effektiv auf die Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zuzugehen und neue Netzwerke wie eben bspw. mit Migrantenvereinen aufzubauen.
Begriffsdefinition: Was sind Jugendliche mit Migrationshintergrund (JmM)?
Angelehnt an die Definition des Statistischen Bundesamts, 2006: Jugendliche, die im Ausland geboren wurden und somit selbst zugewandert sind und Jugendliche, die in Deutschland geboren wurden und mindestens ein Elternteil haben, der zugewandert ist und/ oder eine ausländische Staatsangehörigkeit hat.
Dr. Barbara Schramkowski, Lehrbeauftragte der KH Freiburg
barbara.schramkowskipeks@dla@yum.dstso.uhu.es
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
Soziale Arbeit, Migration und Interkulturelle Kompetenz
nausikaa.schirillapeks@dla@yum.kh-freiburg.de